Mi., 30. März

|

19:30 I Literaturhaus Deutsche Bib...

Dr. Ingrid Laurien “Lebensreformbewegung”

Was um 1900 in Berlin mit naturschwärmenden Gymnasiasten im "Wandervogel" begann, wuchs schnell zu einer breiten Bewegung an. Moderation: Sabine Wolff

Anmeldung abgeschlossen
Veranstaltungen ansehen
Dr. Ingrid Laurien  “Lebensreformbewegung”

Zeit & Ort

30. März, 19:30

19:30 I Literaturhaus Deutsche Bib..., Witte de Withstraat 31-33, 2518 CP Den Haag, Niederlande

Über die Veranstaltung

Als "Lebensreformbewegung" zog sie nicht nur die bürgerliche und proletarische Jugend an, sondern auch Intellektuelle, Künstler und Schriftsteller. Der "Monte Verità" bei Ascona in der Schweiz war ihr frühes Zentrum, zu dem Wanderprediger wie Gusto Gräser, politische Utopisten wie Erich Mühsam, aber auch Dichter wie Hermann Hesse pilgerten. In Deutschland entwickelte sich die "Lebensreform" in vielen unterschiedlichen Ausprägungen zu einem gesellschaftliches Phänomen, das, im Bemühen um den "neuen Menschen", über den Ersten Weltkrieg hinaus auch die Weimarer Republik prägte und bis heute wirksam ist.

Mit Schlüsselbegriffen wie Natur, Körperlichkeit, Ganzheitlichkeit, Pazifismus, Vegetarismus und dem Bemühen um neue Lebensformen war die Lebensreform Wegbereiter der Moderne und reaktionärer Antimodernismus zugleich. In ihrer Ablehnung von Technik und Industriegesellschaft sowie städtischer Lebensweisen setzte sie Orientierungen und Werte, deren Ambivalenzen den kulturellen und politischen Diskurs in der Weimarer Republik beeinflussten. Vom Expressionismus bis zu Reformpädagogik, dem neuen Design des Bauhaus, Ausdruckstanz und Siedlungen bis zur Kibbuzzbewegung - lebensreformerische Gedanken waren überall verbreitet. Wandern, Zelten und Lagerfeuer wurden von rechten Bünden bis zu Pfadfindern und Arbeiterjugend gleichermaßen gepflegt und schließlich von der Hitlerjugend übernommen.

Aber auch die westdeutsche Alternativbewegung der 80er Jahre, die Anti-Atom-Proteste und die Gründung der Partei der Grünen sowie die heutigen Diskurse über Klima und Naturschutz, Schutz der Artenvielfalt, Vegetarismus und "Landlust" knüpfen in vieler Hinsicht an lebensreformerische Elemente an. Auf der anderen Seite berufen sich auch

völkische und rechte Siedlungsbewegungen, die heute in Deutschland wieder zu finden sind, auf diese Tradition.

Längst ist die Lebensreformbewegung von einem Randphänomen, mit dem sich nur

Spezialisten befassen, in das Zentrum des Interesses kultur- und sozialgeschichtlicher Forschung gelangt, die bemüht ist, Kontinuitäten und Brüchen eines bislang unterschätzten Weges in die gesellschaftliche Moderne nachzuspüren.

Die Covid19-Pandemie hat inzwischen allerdings auch die Schwachpunkte der Lebensreformbewegung deutlich gemacht: Ein verbreitetes Misstrauen gegenüber Wissenschaft und Technik, ein antiaufklärerischer Glaube an die Heilkraft einer umfassenden Natur sowie ein Glaube an Mythen und Verschwörungstheorien spiegelt oft  lebensreformerische Traditionen, gibt einem problematischen Querdenkertum Nahrung und erschwert den Kampf gegen das Virus.

Moderation: Sabine Wolff

Eintritt:   Freunde  4,00 € / Gäste 8,00 €

Foto:Dr. Ingrid Laurien, Göttingen

Diese Veranstaltung teilen